Tipps vom Experten

Der Gründervater der 7-Seen-Wanderung gibt Tipps

Wolfgang Flohr, Wanderexperte und Gründer der 7-Seen-Wanderung ist wohl Derjenige unter uns, der wirklich die besten Tipps zur allgemeinen Vorbereitung für alle Teilnehmer geben kann, die sich zum ersten Mal an den „langen Kanten“ wagen. Mit „Flohr´s Tipps“ möchten wir Dich auf Dein Erlebnis 7-Seen-Wanderung vorbereiten. Diese Tipps sollen Dir helfen, die Wanderung zum Erlebnis und nicht zur Qual werden zu lassen. Wir haben uns mit Wolfgang unterhalten und ihm ein paar Fragen gestellt. Natürlich gelten diese Tipps für alle Teilnehmer. Viel Spaß beim Lesen!




Sag mal Wolfgang, ich jogge viel und bin auch schon einmal einen Marathon gelaufen. Schaffe ich damit auch die 107 km Strecke „Neuseenland XXL“?
Die Frage kann man nicht mit ja oder nein beantworten. Ein Marathon hat Erfahrung mit Ausdauer und kennt auch seinen Körper recht gut. Aber ein Marathon mit rund 4 Stunden ist in der Ausdauerbelastung überschaubar, ein „Hunderter“ stellt ganz andere Anforderungen. Und es sind auch völlig andere Muskelgruppen, die der Wanderer zu „spüren bekommt“. Eine gute Voraussetzung ist aber bei beiden Sportarten der unbedingte Wille zum Durchhalten.



Training/Vorbereitung:
 Wie bereitet man sich auf eine Wanderung  vor, die besonders lang ist? Sollte man vorab trainieren? Und wenn ja wie? Aber ich habe auch nicht jedes Wochenende Zeit 8 bis 12 Stunden zu wandern?
Eine solche „Wanderung“ geht nicht aus der „Kalten“. 30 bis 35 km sollte man bereits mehrfach ohne erhebliche Probleme gemeistert haben.
Wenigstens eine Wanderung mit 50 oder 60 km vorab ist empfehlenswert, ist aber nicht zwingend notwendig.

 Eine wichtige Faustregel unbedingt beachten:
 Nicht die Strecke, das Tempo „tötet“! 
Soll heißen, gehe langsam an und lass dich nicht von anderen mitreißen. Kontrolliere Puls und Atmung, du musst noch Gespräche führen können.


Ausrüstung:
Welches Schuhwerk empfiehlst Du den Teilnehmern auf den „langen Kanten“ hier im Flachland?
Die Schuhe sind deine Freunde – du kennst sie schon eine ganze Zeit und sie waren mit dir schon mehrmals unterwegs. Die Zehen brauchen vorn unbedingt Platz, gerade bergab. Hier im Flachland ist ein leichter Wanderschuh von Vorteil, die Sohle sollte aber dick genug sein. Ich selbst habe mit Laufschuhen keine guten Erfahrungen gemacht.



Welche Rolle spielt die Kleidung?
Beachte die Wettervorhersage. Nachts kann es kühl werden. Schnell trocknende Funktionsunterwäsche ist ratsam. Ansonsten eher nach dem Zwiebelschalen-Prinzip. Die größte Aufmerksamkeit widme deinen Strümpfen. Es gibt 1.000 Tipps, wie man Blasen vermeidet. Frische Socken, möglichst mit aggressivem Waschmittel gewaschen und ungenügend gespült, sind ein Garant für schmerzhafte Blasen. (Ich bevorzuge eingelaufene Sportsocken, die nur mit Kinderhaarwäsche gewaschen werden.)
Kontrolliere rechtzeitig deine Unterwäsche, ob reibende Nähte – man merkt das immer erst nach 30 km – zum Problem werden könnten.



Während der Wanderung:
 Wann und was sollte ich trinken bzw. essen?
Trink, bevor der Durst kommt!!!
Eine Trinkflasche muss griffbereit sein. Erst den Rucksack auspacken, um an die Trinkflasche zu kommen, ist in einer „Phase der Lustlosigkeit“ kein Vergnügen und wird dann meist viel zu spät gemacht. Alle Flüssigkeit, die du mit Schweiß verlierst, sollte wieder „rein“. Ein gutes Zeichen, dass Du ausreichend trinkst, ist das Bedürfnis, „in die Büsche“ zu müssen.
Bei der 7-Seen-Wanderung gibt es aber mehr als ausreichend zu essen. Iss aber nicht zu viel, der Körper steuert die Durchblutung vorrangig in Richtung Bewegungsapparat, weniger in den Verdauungstrakt.



Welchen Proviant sollte ich im Rucksack haben?
Ein kleiner Snack, wie Power-Riegel oder Obst sollte immer in greifbarer Nähe sein.



Was tun, wenn Ermüdungserscheinungen oder sogar Krämpfe kommen?
Mit einer Krise kann man fertig werden. Hab keine Probleme, wenn du mal „durchhängst“, das geht vorbei. Glaubst du, es geht nicht weiter, dann leg dich mal flach hin und lagere die Beine hoch. In den Waden und Oberschenkeln ist sauerstoffarmes Blut, nimm dir die Zeit, der Körper reguliert das. Krämpfe sind schmerzhaft, ich hab da auch Erfahrung. Sind sie erst mal da, hilft kein „Pülverchen“, nur Zähne zusammenbeißen, auch ganz laut schreien und – weiterwandern. Glaub dran, dass auch Krämpfe nur vorübergehend auftreten.



Wie gehe ich mit Blasen an den Füßen um?
Bei Blasen gibt es viele, nicht immer ratsame Tipps.

  • Vermeide Blasen durch gute Vorbereitung. Kennst du die Stellen schon vorher, die dir Probleme bereiten könnten, hilft immer rechtzeitiges Abkleben (Spezialpflaster oder elastisches Körper-Tape aus der Apotheke).
  • Die meisten Probleme hatte ich mit Blasen, die ich „gesehen“ habe.
  • Ich vermeide, unterwegs die Schuhe auszuziehen, wenn sich da „was meldet“.
  • Um mich selbst wegen meiner Blasen zu bemitleiden, habe ich im Ziel Gelegenheit.



Was hilft mir, meine Psyche zu stärken und trotz, vielleicht auch Schmerzen, 104 km durchzuhalten?

Psyche:

  • Die Strecke schafft man eigentlich nur mit dem Kopf. Ist der klar und WILL ich das auch, ist es machbar.
  • Bin ich auf der ersten Hälfte „gerannt“, tut es weh, wenn mich im letzten Drittel die Besonnenen überholen.
  • Zähle du dich rechtzeitig zu den „Klugen“, die bis zum Ziel gedacht haben.
  • Zeitpläne können fatal sein, wenn man unterwegs „knapp dran“ ist. Mach deinen „Ersten“ Hunderter ohne Zeitplan und setz dich nicht unter Druck. Sieger ist, wer ankommt.
  • Du ärgerst dich ein ganzes Jahr, wenn du wegen zu hohem Anfangstempo unterwegs „das Handtuch warfst“.
  • Du ärgerst dich nur kurz (wenn überhaupt), wenn du später im Ziel warst, wie geplant.


Schmerzen:

  • Gehe nur ganz gesund an den Start, du bereitest nicht nur dir Probleme, wenn du mit einer Unpässlichkeit am Start stehst und auf der Strecke aus den Schuhen kippst. Für Sportfreunde mit Handicap gibt es kürzere Strecken!
  • Es darf unterwegs auch mal wehtun, aber mit Herz und Kreislauf ist nicht zu spaßen. Achte auf die Symptome.



Wenn fast nichts mehr geht, wann sollte ich aufgeben? Auf welche Zeichen seines Körpers sollte man hören?
Gib nicht zu früh auf, es geht weiter, auch wenn du dir das im Moment nicht vorstellen kannst. Versuche bei Schwindelgefühl zu ruhen und trinke viel.

  • Eine Pause kann Wunder wirken.
  • Ist der Puls zu hoch, dann ist Ehrgeiz falsch am Platz.
  • Bitte auch um Hilfe, wenn Du das Gefühl hast, es geht wirklich nicht weiter.
  • Es ist keine Schande, bereits unterwegs „das persönliche Ziel“ erreicht zu haben.
  • … und im kommenden Jahr gibt’s ja wieder eine Möglichkeit! 



Es ist geschafft – und ein unglaubliches Glücksgefühl breitet sich im ganzen Körper aus. Worauf sollten die Wanderer im Ziel achten?
Trinken, trinken, trinken. Du hast mehr Flüssigkeit verbraucht, als du dir unterwegs gegönnt hast. Genieße mit Freunden deinen Erfolg – die kleinen Blessuren unterwegs sind schnell vergessen. Mach dich nicht verrückt, weil der Erste Wanderer Stunden vor dir im Ziel war. Du bist der Sieger – Sieger über dich selbst und über eine verdammt lange Wegstrecke.

Währenddessen
 „ICH MACH DAS NIE WIEDER!"

Nachher 
„FREUNDE, DANN AUF EIN WIEDERSEHEN IM NÄCHSTEN JAHR!“

Noch ein paar Tipps, die nicht in das Schema der Fragen passen:

  • Nach Pausen genauso weitermachen, auch wenn der Gang „unrund“ ist. Das gibt sich wieder und nach wenigen Minuten läuft es wieder besser, da die Durchblutung wieder einsetzt.
  • Rede während der Nachtwanderung nicht viel und spate dir die Kraft für den Tag. Auch routinierte Langstreckenwanderer sind nach 3 Uhr nachts „einsilbig“. Mit der Sonne am Morgen kommt wieder Kraft und Motivation – vertrau darauf. 
  • Bei der 7-Seen-Wanderung hast Du den Vorteil, dass die Dunkelheit relativ kurz ist und im ersten Teil der Wanderung liegt, in der Du noch ausreichend Kräfte hast. 


  • Lieber Wolfgang wir danken Dir für deine Zeit und die tollen Tipps. Wir freuen uns, Dich und Deine Freunde bei den nächsten 7-Seen-Wanderungen begrüßen zu dürfen.
Wolfgang Flohr Gründer der 7 Seen Wanderung
Wolfgang Flohr bei der 7 Seen Wanderung 2012